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Seifenblase.

Die zeit rast so dermaßen schnell an einem vorbei, findet ihr nicht? Kaum war ich hier, ist die Zeit auch schon so gut wie um. Verrückt.


Die ganze Woche überlege ich schon, was ich aus meiner Anschlussheilbehandlung mitnehme. Welche Ziele habe ich erreicht, woran kann ich arbeiten, was kann ich zuhaus umsetzen? Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich ein Fazit ziehen. Vielleicht ist es einfach auch noch zu früh für ein endgültiges Resümee.


Ich würde gerne schreiben können: so, AHB hinter mir - ab in die Normalität, ab ins Geschehen, ab ins Leben. So denkt man sich das doch, dafür ist eine AHB da oder? Aber so ist es leider nicht. Zumindest für mich nicht und für viele andere Frauen übrigens auch nicht. Was nicht bedeuten soll, dass ich hier keine gute Zeit hatte. Nur damit das mal nicht missverstanden wird!


In der Klinik (oder liebevoll Anstalt von uns getauft) ist es wirklich schön. Vor allem die Umgebung ist ganz wundervoll. Die Therapien sind mal mehr, mal weniger gut - aber das liegt immer im Auge des Betrachters. Ich hatte zum Beispiel Meditation - da mussten wir 15-20 Minuten auf einem Stuhl sitzen und uns auf unseren Atem konzentrieren. Echt nicht so geil! Wenn mir einer sagt: "Konzentrieren Sie sich auf ihren Atem" dann konzentriere ich mich auf alles, nur nicht auf meinen Atem. Im Kopf habe ich immer mitgesprochen "EIN...AUS...EIN...AUS...wann war der nächste Termin? Schaff ich es vorher auf Toilette? Oh man, ich muss echt pinkeln ey...EIN...AUS...EIN...AUS...meine Niere zwickt, hoffentlich ist alles gut. Was ist, wenn es doch Metastasen sind? EIN...AUS...EIN...AUS...oh ne, ich höre die Wespe schon. Hoffentlich fliegt die nicht rein...EIN... AUS... ".......................

Manchmal habe ich versucht, meine Zehen einzeln zu bewegen - das hab ich allerdings nicht geschafft. Ich bezweifle, dass das auch wirklich jemand kann. Wenn ja, meldet euch. Ich wüsste gerne den Trick!!

Dazu muss ich jetzt aber mal sagen, dass es gerade für mich als ultra-hektischer-alles-schnell-schnell-machen-wollen-und-alles-muss-sofort-funktionieren-sonst-bin-ich-mega-frustriert-Mensch vielleicht hilfreich war. Ein paar Gänge runterschalten und mal nur im HIER und JETZT sein. Wie sooft ist das aber immer noch einfacher gesagt als getan. Mal klappt es gut, mal überhaupt nicht gut.


Was mich besonders beeindruckt hat, waren die Frauen. Eigentlich jede Frau, die hier in der Klinik (von uns liebevoll Anstalt getauft) ist, ihre Geschichte erzählt, gekämpft hat und immer noch kämpft. Aber ganz besonders natürlich meine Frauen. Wir haben hier wirklich viel miteinander geteilt und uns gegenseitig am Leben und an der eigenen Geschichte teilhaben lassen. Schmerzliche Erinnerungen, düstere Gedanken und auch so manche Träne wurde getrocknet. Ich erinnere mich an unsere erste kleine "Wanderung", wo ich irgendwann aus dem Nichts angefangen hab zu weinen. Total überfordert mit mit meinen Gedanken und mir selbst. Wir kannten uns noch nicht so gut und als wären wir schon ewig befreundet und uns unheimlich nah, kam Nicky und hat mich fest in den Arm genommen. "Ich weiß, lass es raus. Wir sind da." - das hat mich mitten im Herz getroffen. Kein Vorwurf, dass wir stehen bleiben. Kein "oh man was ist denn jetzt los" und kein "es ist doch garnichts passiert.". Abends dann bin ich nichtmal zum Abendessen. Auf einer Skala von 1 - 10 war mein Hunger so bei -15. Auch dann kamen Nachrichten, ob mir Brötchen geschmiert werden sollen oder was ich brauche. Die beiden Karins kamen dann nochmal extra, um nach mir zu sehen und ich hab wieder bitterlich geweint. Also haben die Beiden mich mitgenommen, wir haben uns hingesetzt und ich hab einfach drauf losgeredet, was mein Herz so schwer macht. Das Schöne an unserer Gruppe ist ja, dass wir oft auch einfach Tränen in den Augen hatten, weil wir so herzlich über manche Geschichten lachen mussten. Wenn ich jetzt an unsere Spinnerei von Schildkröten mit kleinen Trompetchen oder Krügers Dickstiel denke, könnte ich schon wieder losbrüllen. Auch das Lachen haben wir miteinander teilen können. Die Liebe zum Essen nicht zu vergessen. Wir konnten selbst beim Essen über gutes Essen sprechen. Essen war eigentlich oft Thema. Was gibt es Schöneres? Außer Essen essen natürlich. Manchmal hilft reden und auskotzen - manchmal lacht man sich die Sorgen auch einfach weg. Zumindest für den Moment. Es tat so gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Die Antihormontherapie z.B. wird von vielen unterschätzt und man könnte meinen "operiert, bestrahlt, alles tutti", ist aber leider nicht so. Die Nebenwirkungen sind teilweise wirklich heftig, vor allem frisch nach der Spritze.


Meine lieben Frauen Birgit, Yvonne, Karin, Karin und Nicky: ihr wisst, dass ich eigentlich überhaupt niemanden kennenlernen wollte und dann gleich fünf auf einmal an meiner Seite hatte. Menschen wie euch gibt es einfach nicht überall und ich bewundere jede Einzelne von euch. Eure Geschichten haben mich sehr berührt und ich staune immer noch, dass wir alle gemeinsam trotz der großen Scheiße das Lachen nicht verloren haben. Ich bin euch unheimlich dankbar für alles und werde euch immer im Herzen tragen, das steht mal fest!



Das Wort ZEIT spielt für mich auch eine große Rolle und ist auch etwas, was ich von hier mitnehme. ICH HABE ZEIT.

Zeit zu genesen.

Zeit mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Zeit zu stabilisieren.

Zeit für mich.

Zeit meine Situation anzunehmen.

Zeit meinen Alltag zu überdenken.

Zeit einen neuen Alltag zu finden.

Einfach Zeit.


Denn auch wenn so manch einer meint und ich selbst ja auch, dass drei Monate nach der Bestrahlung und 6 Monate nach der Diagnose alles wieder normal sein kann…. der täuscht sich und da täusche ich mich selbst. Da mache ich mir selbst etwas vor. Ich merke also "ab in die Normalität, ab ins Geschehen und ab ins Leben" geht nicht direkt! Diese Erkenntnis nimmt mir viel Druck und eine große Last von den Schultern.

Eine Therapeutin hat es in einer psychologischen Gesprächsgruppe schön verdeutlicht:

"Stellen Sie sich einen Zeitstrahl vor. Auf der linken Seite steht das Wort "Diagnose - krank". Auf der rechten Seite steht "Gesund". Ärztemarathon, Chemo, OP, Bestrahlung. Das haben Sie hinter sich und sind schon etwas weiter weg von der Diagnose. Sie sind also medizinisch gesehen nicht mehr krank. Aber bis sie rechts ankommen wo "GESUND" steht, das wird eine Weile dauern. Bei dem anderen mehr, bei dem anderen weniger. Aber eins sollten sie sich merken. Es DARF dauern. Sie haben Zeit."


Wenn mir jetzt also jemand sagt, ich soll umdenken, wieder in den Alltag finden und zurück zur Normalität.... dem sage ich: ich habe Zeit. Wenn ich mir selbst Druck mache, dass es endlich weitergehen muss, dann sage ich zu mir selbst: ich habe Zeit.


Meine Anschlussheilbehandlung war also schon eine kleine Achterbahnfahrt mit Höhen und Tiefen. Aber ich nehme die positiven Dinge mit und aus den Negativen lerne ich. Besser kann es wohl nicht sein.

Am Dienstag verlasse ich meine kleine Seifenblase, die mich vor der Realität geschützt hat. Ich freue mich tierisch auf meine Liebsten und bin gespannt, ob ich mir auch für zuhause eine Schutzblase pusten kann! Die ist in manchen Situationen nämlich echt Gold wert.


Übrigens weiß ich nicht, ob der Beitrag hier schlüssig ist. In meinem Kopf sind soviele Gedanken, die ich kaum sortieren kann. Beim nächsten Mal gibt es auch einige interessante Infos für Frauen mit Brustkrebs. Bis dahin ein paar Eindrücke aus der Paracelsus-Klinik in Scheidegg und Umgebung:


 
 
 

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